Volkstheater Wien


Vereinte Nationen

2017

von Clemens Setz
Premiere am 13.10.2017 am Volkstheater Wien

Regie: Holle Münster/Prinzip Gonzo
Bühne und Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm

Fotos: Robert Polster

“(…)Wenn das Publikum im Volx/Margareten, der Studiobühne des Wiener Volkstheaters, eingelassen wird, ist das in bunt gemusterte Adidas-Anzüge gekleidete Ensemble – Studentinnen und Studenten des Max Reinhardt Seminars – schon beim Aufwärmen; unter anderem übt man sich im Boxen und Ohrfeigen. Dann die erste Szene: Martina (Nélida Martinez) stopft sich mit einem XL-Löffel den Mund mit roter Grütze so voll, dass sie nicht sprechen kann. Irgendwann spuckt sie die Grütze aus, worauf der Vater (Philipp Auer) sie mit dem Löffel vom Bühnenboden kratzt und der zunehmend verzweifelten Tochter wieder in den Mund schiebt.
Spätestens jetzt kippt die Atmosphäre vom Grotesken ins Unangenehme; sowohl die Absurdität als auch die Grausamkeit der Szene kommen so zur Geltung. Während die Tochter bei Setz im Verlauf der Handlung etwas verloren geht, ist sie im Volx das Zentrum der Inszenierung. Regisseurin Holle Münster (vom Kollektiv Prinzip Gonzo) erzählt das ganze Stück aus der Perspektive von Martina, die sich offenbar alte Familienvideos ansieht – und zwar ohne dass dafür Videotechnik benötigt wird. Sie unterbricht die Handlung mit Kommandos wie „Play!“, „Stop!“ oder „Rewind!“, sie gibt den Mitspielern Stichwörter, manchmal synchronisiert sie sie auch, weil sie die Texte ohnedies schon auswendig kann.
Die billigen Dschungel-Kulissen des Bühnenbilds (Thea Hoffmann-Axthelm) erinnern an eine Kindertheater-Deko, verweisen aber auch ganz allgemein darauf, dass hier eben kein realistisches Drama aufgeführt wird: die Bühne als Spielplatz, Biografie ein Spiel. Das Stück wird dadurch aber nicht verharmlost, eher im Gegenteil. In dieser Aufführung, die sich relativ viele Freiheiten nimmt, kommt der offene, doppelbödige, spielerische Charakter von „Vereinte Nationen“ deutlich besser zur Geltung als in den werktreuen Versionen. Das spricht nicht gegen das Stück, aber für diese Inszenierung.” Wolfgang Kralicek in der Theater Heute (www.der-theaterverlag.de)

“Am Ende von Clemens J. Setz dramatischen Debüt “Vereinte Nationen” hat Martinas Familie ein Haus mit Garten. Thea Hoffmann-Axthelm, die auch für die Mannheimer Uraufführung die Bühne baute, damals noch einen kamerabesetzen Glaskasten, holt für die Wiener Nachinszenierung Naturzitate auf die Bühne: Begrenzt von einem azurnen, schäfchenbewölkten Rundhorizont stehen paradiesische Kulissenteile überm blau funkelnden PVC-Boden in Wasseroptik. Eine künstliche Welt, in die einmal ein Scheinwerfer kracht. Wer sich an den thematisch verwandten Hollywood-Film “The Truman Show” erinnert fühlt, liegt richtig. Dass die Schauspieler in quietschbunten Adidas-Anzügen stecken, dürfte am Product Placement liegen, schließlich macht Martinas Familie das mit dem Mitfilmen ja nicht zum Spaß, sondern zum Geldverdienen!(…)
Was macht mit einem Menschen, dass er sein Leben jederzeit auf Youtube nachverfolgen kann? Münster betont diesen Setz-Gedanken, indem sie Martina immer wieder aus der Handlung aussteigen lässt und mit Befehlen wie Play, Rewind, Repeat und Mute Sequenzen wiederholt, vor- oder zurückspult, verstummen lässt. Insbesondere dann, wenn sich Anton und seine Frau Karin, die bei Clara Schulze-Wegener leichtfüßig zwischen liebevoller Mutter und Lady Macbeth pendelt, mal wieder in die Haare kriegen – Momente, in denen kurz die Möglichkeit aufscheint, der Horror könnte ein Ende finden. Aber es hört nicht auf: Anton wird seine Empathie schließlich nicht bei seiner Tochter, sondern bei einer taumelnden Hummel los.”
Georg Kasch auf nachtkritik.de