Burgtheater Wien


paradies fluten

2017

von Thomas Köck

Premiere am 9.9.2017 am Akademietheater Wien

Regie: Robert Borgmann
Bühne und Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm
Fotos: Georg Soulek

Mit blonder Langhaarperücke und einer dicken Schicht Goldfarbe im Gesicht erzählt Sabine Haupt im Wiener Akademietheater vom Ende der Welt. Nicht apokalyptisch, mit Erdbeben und Sintflut, sondern bloß nüchtern naturwissenschaftlich. Von der Sonne, die sich im Laufe der nächsten Millionen Jahre immer weiter aufblähen wird, und von der Erde, die dann aus heißer Lava bestehen wird, ohne jedes Leben. “Wir werden verschwunden sein”, resümiert sie trocken. Und hinter ihr macht eine Wand aus hunderten Glühlampen (Bühne: Thea Hoffmann-Axthelm) überdeutlich, wie das dann sein wird: erst ein matter Glühfadenschein, schließlich hell strahlend mitten in die überforderten Zuschauer*innenaugen hinein.

Borgmanns letzte Dinge sind nicht spektakulär, nie Exzess, sondern minuziöse Kleinarbeit. Er lässt keine Windmaschinen auffahren, keinen stürmischen Platzregen aus dem Schnürboden prasseln, ja nicht mal Requisiten fliegen durch den Raum. Stattdessen vereinzelt Pfützen, in die manchmal ein Tropfen knackt, und ein großes weißes Segel, das sich langsam bläht, bis es den ganzen Bühnenboden bedeckt, und ebenso langsam zusammenzieht, bis es als loses Bündel vom Schnürboden hängt. (…) Es sind schaurige, beinahe archaische Kämpfe ums Überleben, zerdehnte Rituale des Erinnerns nach dem Weltuntergang; jedenfalls kein realistisches Streiten um Kautschuk und Fixanstellung.

Leopold Lippert auf nachtkritik.de

Thea Hoffmann-Axthelm schuf eine unglaublich wandelbare Bühnenformation. Mit einem riesigen Stoffsegel, das sich im Laufe der Vorstellung als Plastikbahnen entpuppt, nimmt sie Protagonisten mit in schwankende Höhen. Der Mast oder Stamm, an dem die Bahnen zum Teil nach oben und unten entlanggleiten, besteht aus schwarzen Kautschukbahnen. Aus jenem Material, das Köck exemplarisch heranzieht, um an seiner Verbreitung die Geschichte des Turbokapitalismus zu erzählen.

Wer sich einen erbaulichen Theaterabend erwartet, ist definitiv fehl am Platz. Wer erleben möchte, wie sich unaussprechliches Leid, Katastrophen und menschliche Tragödien in ein Theaterkorsett gießen lassen, das zwangsläufig an allen Enden und Ecken platzen muss, wird mit einer Inszenierung belohnt, die jede Menge optische Opulenz und Gedankenfutter anbietet.

Michaela Preiner, European Cultural News