Nationaltheater Mannheim


Hedda Gabler

2018

von Henrik Ibsen
Premiere am 16.02.2018 am Nationaltheater Mannheim

Regie: Tim Egloff
Bühne und Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm

(…) Wenn die Titelfigur sich am Ende erschießt, dann schießt sie sich in Tim Egloffs Inszenierung nicht, wie von Ibsen vorgegeben, in einem Nebenzimmer in die Schläfe. Sie schießt auf offener Bühne auf ihr Spiegelbild. Wie ein Damoklesschwert schwebt der große, bewegliche Spiegel, auf den Hedda Gabler am Ende die Pistole richtet, während der Aufführung über den Darstellern.
Der Spiegel ist symptomatisch dafür, wie der Regisseur im beginnenden 21. Jahrhundert mit dem Stück aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert umgeht. Ibsens Anklage einer repressiven bürgerlichen Gesellschaft, die das Individuum in ein rigides Moralkorsett presst, wird zur Schuldzuweisung an das Individuums selbst, ohne es dabei allerdings direkt anzuklagen. Hedda Gablers Hass auf ihre Lebensumstände, die ihr die Selbstbestimmung verweigern, wird konsequent zum Selbsthass, der im Selbstmord endet. Aus dem Zerschellen einer nach Emanzipation lechzenden lebenslustigen Frau an den objektiv falschen Regeln einer patriarchalen Gesellschaft wird ein subjektiviertes Scheitern. Aus einem Gesellschaftsdrama macht Egloff ein Psychodrama.

Der über der Bühne schwebende und die Handlung begleitende Spiegel tritt in Thea Hoffmann-Axthelms Bühnenbild an die Stelle des von Ibsen vorgesehenen Porträts des Vaters, des Generals Gabler. Das Bild des Vaters, die in früheren Zeiten für die Anpassung an die Gesellschaft zuständige Erziehungsinstanz, stellte eine Art objektiviertes Gewissen dar, das die Tochter nicht über ihren Schatten springen ließ. (…)
Ibsens Salon in einer Villa wird unter der Hand des Regisseurs und seiner Bühnenbildnerin zu einem karg möblierten, klaustrophobischen Raum, der die Enge, in der Heddas Psyche gefangen ist, äußerlich deutlich macht. Die Kälte, die schon das Bühnenbild ausstrahlt, bestimmt auch die Beziehungen der Menschen zueinander. Egloff hält die Darsteller oft in weitem Abstand voneinander und lässt sie aneinander vorbeireden. Selbst Anwesende erscheinen so, unbeachtet von den anderen, wie abwesend. Gleich zu Beginn geht Hedda verschleiert wie eine Schlafwandlerin durch den Raum, während ihr Mann, Jørgen Tesman, mit Tante Julle plaudert. Zwischendurch wickelt sich die Schwangere, gefangen in einer „Vernunftehe“ mit einem langweiligen Stubengelehrten, auch schon einmal in ein Tuch, als wäre sie eine Mumie.(…)

Tim Egloff scheut sich nicht, sich über Maximen des naturalistischen Theaters, denen Ibsen folgte, hinwegzusetzen. Wenn der Regisseur seine leicht bekleidete Hedda sich lasziv auf dem Bett räkeln lässt, holt er ihre Wunschfantasien in die Wirklichkeit. Sogar eine surreale Traumszene baut er ein, während Hedda eifersüchtig das Manuskript eines Buches Løvborgs, einen genialen Zukunftsentwurf, zerstört. Alle Figuren des Dramas erscheinen in dem Traumbild wie Gemälde mit einem bezeichnenden Attribut: Løvborg wie ein dionysischer Outlaw mit Weinlaub im Haar. (…) Das Publikum belohnte eine gelungene Inszenierung mit heftigem, lang anhaltendem Applaus.« (Rheinpfalz, 19.02.2018)